Zurück

Redesign der Artikelstammdatenpflege einer ERP Software

Isometrische Darstellung des Buttons „Artikel anlegen

Der Artikelstamm ist das Herzstück jeder ERP-Software: Er verbindet Einkauf, Lager und Vertrieb und trägt entsprechend viel Verantwortung. Trotzdem war die Nutzung im Arbeitsalltag alles andere als effizient. Ich habe den Artikelstamm von Grund auf neu gestaltet, von der UX-Research bis zum High-Fidelity-Prototyp, mit dem Ergebnis: Artikel lassen sich jetzt deutlich schneller und klarer einsehen, anlegen und pflegen.

Kontext

ERP Office-Webapp

Zeitraum

Mai – Aug 2024

Rolle

UX/UI Design

Methodik

Design Thinking

Isometrische Darstellung des neu gestalteten Artikelstamm-Dashboards mit Übersichts-Cards und Artikelliste

Die Herausforderung

Öffnete man den Artikelstamm, sah man zunächst nur ein leeres Formular, ohne Hinweis, was zu tun ist. Eine Suchfunktion war nicht sichtbar: Um einen Artikel zu finden, musste man bestimmte Tastenkombinationen kennen. Wer diese nicht auswendig kannte, kam schlicht nicht weiter, für neue Mitarbeiter war das System dadurch von Anfang an schwer zu bedienen.

Hinzu kam: Über 36 verschiedene Funktionen zum Bearbeiten eines Artikels waren wahllos verteilt und teils missverständlich benannt (zum Beispiel „Artikelkennzahlen" und „Artikelkennzeichen", zwei Begriffe, die leicht zu verwechseln sind). Auch die Eingabefelder folgten keiner erkennbaren Ordnung, das gesamte Erscheinungsbild wirkte veraltet, und versehentliche Änderungen fielen häufig gar nicht auf.

Für wen

  • Stammdaten- & Supply-Chain-Management
  • Application Support & Projektmanagement
  • Einkauf, Vertrieb & Produktion

Die Pain Points

  • Kein Überblick über Artikel & Status
  • Fehlende Such- & Filterfunktionen
  • Unintuitive, versteckte Tastenbelegung
  • Ungewollte Änderungen am Artikelstamm

Forschungsfragen

  • Welche Probleme bestehen bei der aktuellen Pflege?
  • Welche Anforderungen haben die Nutzergruppen?
  • Welche Designprinzipien passen am besten?
Annotierte Analyse der alten Artikelstamm-Maske mit markierten Schwachstellen und versteckten Funktionen

Verstehen

Der Research kombinierte qualitative und quantitative Methoden: Autoethnografie (eigenes, systematisches Erproben der Anwendung), eine Umfrage mit 16 Teilnehmern und 27 Fragen sowie 13 Interviews mit internen Mitarbeitern und externen Anwendern, transkribiert und in Kategorien ausgewertet.

Das überraschendste Ergebnis: Nicht das Anlegen oder Pflegen, sondern das Einsehen von Artikelinformationen ist mit 88 % der häufigste Anwendungsfall. 81 % vermissten konkrete Such- & Filterkriterien, rund drei Viertel bewerteten Intuitivität und Benutzererfahrung nur mit „ausreichend" bis „mangelhaft".

Umfrageergebnisse zur Bewertung der Artikelpflege Affinity Map mit gruppierten Erkenntnissen aus Research und Interviews Research-Übersicht: Methoden und Erkenntnisse Weitere Umfrageergebnisse zur Nutzungshäufigkeit und Funktionsbewertung
Personas

Drei Nutzungsrealitäten

Die Personas machten eine zentrale Spannung sichtbar: Effizienz für Experten gegen Intuitivität für Einsteiger. Beides musste das Redesign zugleich bedienen.

Porträt der Persona Maik, Stammdatenmanager

Maik · 57 · Experte

  • Rolle: Stammdatenmanager, tägliche Nutzung
  • Ziel: Artikel so schnell wie möglich anlegen & prüfen
  • Frust: Lesen im „Zickzack" durch unübersichtliche Feldanordnung

„Ich habe mich an die Eigenheiten gewöhnt und nutze überwiegend Shortcuts."

Porträt der Persona Anna, Projektmanagerin

Anna · 31 · Kompetenz

  • Rolle: Projektmanagerin, betreut neue Kunden
  • Ziel: Guter Überblick über Artikel & Funktionen
  • Frust: Vergisst, wo Funktionen liegen und was sie bewirken

„Ich brauche eine gute Übersicht, besonders wenn ich neue Kunden betreue."

Porträt der Persona Joanna, Einkäuferin

Joanna · 44 · Anfängerin

  • Rolle: Neu im Einkauf, nutzt den Artikelstamm seit Kurzem
  • Ziel: Funktionen verstehen & effizient nutzen
  • Frust: Überforderung durch Komplexität, fehlende Hilfe

„Die Software ist so komplex und unübersichtlich. Ich finde oft nicht, was ich brauche."

Konzept

Von der Struktur zum Wireframe

01

MVP & priorisierte Themen

Wünsche und Probleme wurden nach Nutzen und Häufigkeit der Nennung priorisiert. Das MVP fokussierte vier Felder: Unterstützung durch die Software (Tooltips, Doku), modernes UI, effiziente Navigation & Barrierefreiheit sowie mehr Such- & Filtermöglichkeiten.

Ungeordnete Wünsche und Probleme auf Klebezetteln vor der Priorisierung Affinity Map: nach Themen gruppierte Erkenntnisse aus Research und Interviews
02

Card-Sorting-Studie

Im Rahmen einer Card-Sorting-Studie wurden 105 verstreute Menüpunkte der Bearbeitungsfunktionen systematisch geordnet. Die Nutzer gruppierten die Inhalte eigenständig, ohne Vorgaben. Das Ergebnis: 12 logische Kategorien, die sich an mentalen Modellen der Nutzer orientieren. Die Navigation wurde damit grundlegend vereinfacht, die kognitive Last reduziert.

Card Sorting: in Kategorien gruppierte Bearbeitungsfunktionen, Teil 1 Card Sorting: in Kategorien gruppierte Bearbeitungsfunktionen, Teil 2
03

Informationsarchitektur & Wireframes

Aus den Erkenntnissen der Research-Phase entstand eine neue Sitemap. Die zentrale Entscheidung: weg von der leeren Eingabemaske, hin zu einem Dashboard mit Fokus auf die Artikelübersicht. Auf dieser Basis wurden erste Wireframes entwickelt und anschließend im Usability-Test erprobt. Fünf Teilnehmer, acht Aufgaben, eine klare Methodik, angelehnt an die Empfehlung der Nielsen Norman Group zur optimalen Stichprobengröße.

Sitemap des Artikelstamms mit Dashboard, Suche, Filter und Bearbeitungsfunktionen

Die Lösung

Ein Dashboard, das beim Öffnen sofort Kontext gibt: eine durchsuch- und filterbare Artikelliste plus zwei Übersichts-Cards. Statt einer leeren Maske sehen Nutzer auf einen Blick, wie viele Artikel angelegt sind, wie deren Status ist und wo Daten fehlen.

Gestaltet nach etablierten Prinzipien (Material Design, Laws of UX): klare Hierarchie, hoher Kontrast und eine konsistente Farb- & Icon-Sprache führen durch die komplexe Anwendung.

Neues Artikelstamm-Dashboard mit globaler Navigation, Übersichts-Cards, Suche, Filter-Chips und Artikelliste
01

Detailansicht mit klarer Trennung

Ein Klick auf einen Artikel öffnet eine eigenständige Detailansicht, die visuell klar vom Dashboard getrennt ist, damit niemand mehr unbeabsichtigt im Bearbeitungsmodus landet. Die Artikel-Info-Card bündelt die wichtigsten Daten samt Status-Chip; daneben lassen sich Notizen und Dateien per Drag & Drop direkt am Artikel hinterlegen.

Detailansicht eines Artikels mit Info-Card, Basisdaten-Feldern, Notizablage und Zusatzfunktionen-Menü
02

Sicherheit & Hilfe im richtigen Moment

Eine Snackbar bestätigt gespeicherte Änderungen und bietet eine Undo-Funktion gegen das im Interview häufig genannte Problem unbemerkter Änderungen. Tooltips erklären Fachbegriffe direkt am Element und reduzieren so die kognitive Last, gerade für Einsteiger.

Snackbar mit der Meldung Änderungen gespeichert und einer Rückgängig-Aktion Tooltip-Overlay am Eingabefeld mit kurzer Erklärung des Fachbegriffs

Barrierefreiheit

Barrierefreiheit war kein Nachgedanke: Die Anwendung soll möglichst vielen Menschen unabhängig von ihren Fähigkeiten offenstehen.

Visuell

  • Hoher Kontrast zwischen Text, Icons & Hintergrund
  • Artikelliste in drei Stufen skalierbar
  • Farbinfos zusätzlich durch Text/Symbol

Navigation

  • Funktionen weiterhin per Tastatur erreichbar
  • Klare Fokusanzeige des aktiven Elements
  • Tastaturbelegung nach Jakob's Law (Tab statt Enter)

Sprache & Test

  • Einfache, klare Sprache, Fachbegriffe erklärt
  • Konsistente Navigationsstruktur
  • Barrierefreiheitsprüfung vor Fertigstellung

Ergebnis

88 %häufigster Use Case ist „Artikel einsehen".
Der Flow wurde darauf ausgerichtet
81 %vermissten Such- & Filterkriterien:
Jetzt zentral & dynamisch gelöst
105 → 12Bearbeitungsfunktionen via Card Sorting neu strukturiert

Das Ergebnis ist ein durchgängiges UX/UI-Konzept als High-Fidelity-Prototyp samt Handlungsempfehlung an das Unternehmen. Ein Live-Rollout war nicht Teil des Projekts, die Arbeit liefert eine belastbare Grundlage für die Weiterentwicklung.